„Gründlich Stadtteil für Stadtteil anschauen“
Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller (rechts, mit Mitarbeiter Wolfgang Röhl) spricht sich für eine moderne Verkehrspolitik aus / Foto: Christian Töller

„Gründlich Stadtteil für Stadtteil anschauen“

Am 1. November hat Dr. Stephan Keller sein Amt als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Düsseldorf angetreten, vier Tage später leitete er direkt die erste Ratssitzung. Auf das neue Stadtoberhaupt warten in den kommenden Monaten und Jahren zahlreiche Aufgaben. Wir sprachen mit ihm unter anderem über seine Pläne für die Verkehrswende und die verschiedenen Stadtteile.

Umweltspur, Corona – im Wahlkampf und in den ersten Tagen Ihrer Amtszeit war vor allem von den großen, stadtweiten Themen die Rede. Was sind Ihre Vorstellungen für die einzelnen Stadtteile? Wo sehen Sie dort Verbesserungsbedarf?

Dr. Stephan Keller: Ich möchte mir zunächst ein Bild von den Stadtteilen machen. Dazu werde ich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bezirksverwaltungsstellen reden und auch die neuen Bezirksbürgermeister zu einem Gespräch einladen. Außerdem möchte ich gerne im ersten Jahr jede Bezirksvertretung besuchen, um mich mit den Lokalpolitikern vor Ort auszutauschen und zu erfahren, was die Knackpunkte sind. Die Bedürfnisse in den Stadtteilen unterscheiden sich natürlich. Wir müssen schauen, was tut wo not? Das reicht vom Thema Verkehr über Fragen von Ordnung und Sicherheit bis zur Barrierefreiheit, insbesondere in den Stadtteilzentren. Wir werden uns gründlich Stadtteil für Stadtteil anschauen.

Das Thema Verkehrspolitik ist das große Aufregerthema in Düsseldorf. Wie wollen Sie den Gegensatz zwischen Autofahrer auf der einen Seite und Radfahrer/Fußgänger/ÖPNV auf der anderen Seite auflösen? Ist das überhaupt möglich?

Keller: Wir müssen diesen Gegensatz auflösen. Dabei sind unsere Forderungen aus dem Wahlkampf nach einem staufreien Düsseldorf und einer Stärkung des Radverkehrs und des Öffentlichen Personennahverkehrs keine Gegensätze, im Gegenteil. Wir wollen und müssen den Straßenraum so aufteilen, dass auf der einen Seite der ÖPNV gestärkt und der Radverkehr gefördert werden, ohne dass auf der anderen Seite der motorisierte Individualverkehr behindert wird. Ich bleibe dabei, dass die Umweltspuren das falsche Konzept sind und so schnell wie möglich weg müssen. Stattdessen müssen wir auf andere Konzepte setzen.

Welche Konzepte wären das?

Keller: Kurzfristig ist eine neue Ampelschaltung notwendig, um so für mehr fließenden Verkehr und damit einen geringeren Schadstoffausstoß zu sorgen. Gleichzeitig möchten wir für einen höheren Anteil des ÖPNV und Radverkehrs sorgen. Wichtig ist dabei, dass wir keine Verbote aussprechen wollen. Vielmehr müssen wir den Menschen den Umstieg auf Bus, Bahn und Rad erleichtern, beispielsweise über mehr Park-&-Ride-Plätze und einen dichteren Takt bei Bus und Bahn.

Fortuna, die Borussia und die DEG sind die großen sportlichen Aushängeschilder der Stadt. Gerade die DEG hat jedoch unter dem Zuschauerverbot zu leiden. Auch der Amateursport muss mit den coronabedingten Einschränkungen klar kommen. Welche Pläne haben Sie, den Vereinen unter die Arme zu greifen?

Keller: Wichtig wird sein, dass wir – sobald es die Situation zulässt – die Infrastruktur wieder öffnen, um den Vereinssport möglich zu machen. Für ein breites Sportangebot ist es auch wichtig, dass die Anlagen in Schuss sind. Um die städtischen Sportanlagen kümmern wir uns natürlich intensiv, bei den vereinseigenen Anlagen müssen wir sehen, wie wir den Vereinen bei Bedarf unter die Arme greifen können. Was den Spitzensport betrifft, so werden wir uns mit den Vereinen zusammensetzen und sehen, wo und wie wir als Stadt aktiv werden können.

Ebenfalls ein großer Punkt sind die Schulen: Viele fordern hier den Einbau von Luftfiltern sowie die Entzerrung des Unterrichts, beispielsweise durch geteilte Schulklassen und Distanzunterricht. Welche Möglichkeiten hat dort die Stadt, nachdem beispielsweise das Land der Stadt Solingen den Plan mit geteilten Schulklassen und Distanzunterricht untersagt hat?

Keller: Uns hat das entschiedene Vorgehen des Landes im Fall Solingen schon überrascht. Wir werden uns genau die Begründung für dieses Vorgehen ansehen. Wir begrüßen es, wenn die Schulen selber aktiv und kreativ werden, wenn es um die Entzerrung des Unterrichts geht, und werden sie dabei natürlich unterstützen. So steckt viel Potential in der Kombination von digitalem und Präsenzunterricht. Was Luftfilter betrifft, so müssen dort noch einige Fragen geklärt werden, beispielsweise was die Leistungsfähigkeit in den einzelnen Klassenzimmern angeht. Wichtig ist dabei eine einheitliche Linie, die vom Land kommen könnte.

Ihr Vorgänger hat sich in der Vergangenheit stark für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen. Werden Sie diese Linie weiterverfolgen?

Keller: Die Aufnahme und Verteilung von geflüchteten Menschen ist natürlich eine Bundesangelegenheit. Aber selbstverständlich bleiben wir bei der Linie, unsere Kapazitäten zur Verfügung zu stellen und uns solidarisch zu zeigen. Menschen in Not sollen wissen, dass auf die Stadt Düsseldorf Verlass ist und wir für sie da sind und ihnen helfen werden.

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